Es war einmal ein Land, in dem gab es kein Weihnachten.
Zur Weihnachtszeit gingen deshalb alle arbeiten wie immer. Niemand kaufte
und schmückte einen Tannenbaum und kein Kaufhaus hatte ein Weihnachtsgeschäft.
Die Menschen hatten keine Weihnachtsgefühle und verschickten deshalb
auch keine Weihnachtspost. Es wäre im
Dezember also immer ganz schön kalt gewesen, wenn es nicht, ja wenn
es nicht die Wahl zum Supermensch gegeben hätte.
Der Supermensch war für ein
Jahr gewählt. Jedes Jahr musste es ein anderer sein. Jeder konnte
es theoretisch werden. Man bewarb sich Anfang Dezember und gewählt
wurde am 31. Wenn die Auszählung der
Stimmen abgeschlossen war und der Supermensch für's nächste Jahr
feststand, erfuhren das alle über das Fernsehen, das Radio, das Internet
und über Extraausgaben der Zeitungen. Im ganzen Land wurden dann
Feuerwerke gezündet, es wurde überall mit Sekt angestoßen
und fröhlich getanzt. Man fasste sich an der Hand und lauschte der
Ansprache des neuen Supermensch, die über große Lautsprecher
überall auf den Straßen zu hören war. Der Supermensch war jemand, den alle sehr bewunderten.
Alles, was hergestellt wurde, bekam sein Foto eingedruckt, sogar die Lebensmittel.
Und er bestimmte alles. Das Wetter, Reformen und Preise, den Frieden, Gesundheit
und Glück.
Die Bürger des Landes konnten außerordentlich toll hoffen
und glauben. Sie glaubten einfach, dass das jeweilige Wetter genau richtig
war. Und feierten den Supermensch täglich dafür. Wenn jemand
glücklich war, entzündete er dem Supermensch zu Ehren dafür
eine Kerze. Wenn jemand ein Baby bekam, sagte er seinem Kind, dass
sein wichtigster Elternteil letztlich der Supermensch sei, dem in diesem
Jahr einfach alles zu verdanken war. Wenn jemand Pech hatte, fragte er
beim Supermensch höflich an, wofür das gut sein soll. Und der
Supermensch fand dazu eine Antwort. Und jeder Pechvogel verstand sie so,
dass er wieder dankbar sein konnte. So waren
die Erinnerungen eines Menschenlebens stets positiv und ohne Ausnahme verbunden
mit den diversen amtierenden Supermenschen. Und kein Supermensch wurde
je vergessen. Man sagte nicht "weißt du noch im Jahre 2003...", sondern
"weißt du noch der Supermensch Martha Schmitz" und erzählte
dann seine Erinnerungen, die man glaubte, allesamt Martha zu verdanken.
Wenn ein Jahr zu Ende ging und die
Kandidaten für's nächste Jahr sich meldeten, begann eine wunderbare
Zeit des Abschieds und der Vorfreude zugleich. Der amtierende Supermensch
wurde so liebevoll und hochachtungsvoll verabschiedet, wie man sich das
heute und in unserem Land kaum vorstellen kann. Man erinnerte sich nochmal
an das ganze Jahr, an alles, was der Supermensch getan hatte und alle waren
so gerührt, dass sie viel weinten, lachten, sangen und tanzten, manchmal
sogar gleichzeitig. Und jeder Kandidat und jede Kandidatin wurde mit einem
Lächeln betrachtet, weil man davon ausging, dass es mit ihm oder ihr
sicher auch so wunderschön werden wird.
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